Wie die Zeche Germania 1996 zum CJD Dortmund kam
„Es war eine Ruine“, erinnert sich Jürgen Schulz, der seit den Anfangstagen dabei ist und bis heute im CJD arbeitet. Wo heute die große Halle des Elektrorecyclings steht, rauschte damals ein Birkenwäldchen im Wind, erinnert er sich. Eingeschlagene Scheiben, verlassene Räume, Spuren von Vandalismus – ein Gelände, das nach der Stilllegung der Zeche 1971 viele Zwischennutzungen erlebt hatte. Zuletzt durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Als diese dann Anfang der 90er Jahre nach Dorstfeld umzog, blieb die Zeche zurück: leer, verwildert, vergessen.
Doch einer fuhr immer wieder daran vorbei – und sah darin mehr.
Der damalige Jugenddorfleiter des CJD Dortmund, Dr. Horst Röhr, kam regelmäßig privat an der Zeche vorbei. Jedes Mal fragte er sich, was aus diesem Gelände werden könnte. Irgendwann nutzte er sein Netzwerk und fragte bei der Stadt nach. Die verwies ihn an das Bundesimmobilienamt. Und dort begann eine Geschichte, die viele für unmöglich hielten.
Ziel und Versprechen: 100 Arbeitsplätze
Horst Röhr hatte eine Vision: einen Ort zu schaffen, an dem Menschen ausgebildet und qualifiziert werden, die sonst am Rand stehen. Einen Ort, der Chancen eröffnet, wo vorher keine waren. Er versprach, auf der Zeche 100 Arbeitsplätze zu schaffen – ein Versprechen, das heute weit übertroffen ist.
Für manche war Dr. Röhr ein Spinner. Für andere ein Visionär. Die Geschichte zeigt, wer recht behalten hat.
Jürgen Schulz erinnert sich noch gut an seinen ersten Besuch. Schulz‘ Vater war Bergmann, die Zeche also kein fremder Ort – und doch traf ihn der Zustand des Geländes hart. „Ich war geschockt“, sagt er. Und trotzdem ließ er sich überzeugen. „Ich war bekloppt genug, das zu machen“, blickt er zurück und muss lachen.
Was ihn überzeugte? Die Idee, dass das CJD alles mitbringt, was man für den Wiederaufbau braucht: Maurer, Maler, Garten- und Landschaftsbauer – Gewerke, die gestalten und die Zeche wieder zum Leben erwecken können. Hinzu kam ein Netzwerk, das Horst Röhr mit beeindruckender Energie aktivierte. Skepsis gab es genug – in Dortmund ebenso wie im CJD‑Hauptsitz in Ebersbach. Doch Röhr blieb beharrlich.
Ein Ort wandelt sich zum Guten
Er sah das CJD als Teil der Dortmunder Sozialgemeinschaft – und fasste die Aufgaben des CJD weiter, als es damals üblich war. Genau diese Weite machte den Unterschied.
Am 30. April 1996 übernahm das CJD schließlich die Zeche Germania. Aus einer Ruine wurde ein Ort der Möglichkeiten. Aus einem Birkenwäldchen wurde eine Werkhalle. Aus Skepsis wurde Stolz.
Und aus einer Vision wurde ein Standort, der heute weit mehr als 200 Menschen Arbeit gibt – und unzähligen jungen Menschen eine Perspektive.
Dies ist die erste von 30 Geschichten über 30 Jahre Zeche Germania. Und sie beginnt mit einem Mann, der nicht wegschaute, sondern hinsah – und mit Menschen wie Jürgen Schulz, die den Mut hatten, mitzugehen.